Gasversorgung für Industrieöfen: Sicherheit an erster Stelle

Die Gasversorgung von Industrieöfen unterliegt in Deutschland, Österreich und der Schweiz (DACH-Region) strengen Sicherheitsvorschriften. Ein Versagen der Gasanlage kann zu Explosionen, Bränden und schweren Personenschäden führen. Dieser Leitfaden gibt einen Überblick über die relevanten Normen, die Komponenten einer sicheren Gasstrecke und die Anforderungen an das Brenner-Management-System (BMS).

1. Relevante Normen und Regelwerke

Die Sicherheit von gasbeheizten Industrieöfen wird durch ein Zusammenspiel europäischer und nationaler Normen geregelt:

  • EN 746-1: Sicherheitsanforderungen an industrielle Thermoprozessanlagen — Allgemeine Sicherheitsanforderungen
  • EN 746-2: Sicherheitsanforderungen an Feuerungen und Brennstoffführungssysteme
  • DIN EN 298: Automatische Brenner-Steuergeräte (Feuerungsautomaten)
  • DVGW G 260: Gasbeschaffenheit (Zusammensetzung und Qualität des Brenngases)
  • DVGW G 280: Gasodorierung (Sicherheitsodorierung zur Leckageerkennung)
  • DVGW-TRGI 2018: Technische Regel für Gasinstallationen
  • IGEM/UP/4: Commissioning of gas-fired plant on industrial and commercial premises (britische Referenz)
  • IGEM/UP/2: Installation of gas appliances in industrial and commercial premises (britisches Pendant zur DVGW-TRGI)
  • BetrSichV: Betriebssicherheitsverordnung (Betrieb überwachungsbedürftiger Anlagen)
  • Gas Safety (Installation and Use) Regulations 1998: Britisches Gasinstallationsgesetz, durchgesetzt durch die HSE

Hinweis für international tätige Betriebe: Die europäischen Ausrüstungsnormen (EN 161, EN 1643, EN 746, EN 298, EN 1854) sind technisch identisch in allen Ländern — nur das nationale Präfix unterscheidet sich (DIN EN in Deutschland, BS EN in Großbritannien, ÖNORM EN in Österreich, SN EN in der Schweiz). Die Installationsvorschriften unterscheiden sich jedoch: In Deutschland gilt die DVGW-TRGI, in Großbritannien IGEM/UP/2, in Österreich die ÖVGW-Richtlinien. Die Qualifikationsanforderungen für Installateure sind ebenfalls länderspezifisch: DVGW-Konzession in Deutschland, Gas Safe Register in Großbritannien.

Hinweis: Für Industrieöfen mit einer Nennwärmeleistung >1 MW gelten zusätzliche Anforderungen gemäß der 1. BImSchV (Bundesimmissionsschutzverordnung) und ggf. Genehmigungspflicht nach BImSchG.

2. Aufbau der Gasstrecke

Eine normkonforme Gasstrecke für Industrieöfen besteht aus einer definierten Abfolge von Sicherheits- und Regelkomponenten. Die folgende Tabelle zeigt den typischen Aufbau in Strömungsrichtung:

PositionKomponenteFunktionRelevante Norm
1Absperrhahn (Hauptabsperreinrichtung)Manuelle Absperrung der gesamten GaszufuhrDVGW-TRGI
2GasfilterSchutz nachgelagerter Komponenten vor VerunreinigungenEN 746-2
3GasdruckreglerReduzierung und Stabilisierung des EingangsdrucksEN 88
4Manometer (Eingangs- und Ausgangsdruck)Überwachung des Gas-BetriebsdrucksEN 746-2
5Sicherheitsabsperrventil 1 (SAV 1)Erstes automatisches Sicherheitsventil (dicht schließend)EN 161
6Dichtheits-Kontrollsystem (VPS)Automatische Dichtheitsprüfung beider SAV vor jedem StartEN 1643
7Sicherheitsabsperrventil 2 (SAV 2)Zweites automatisches Sicherheitsventil (Doppelblock)EN 161
8Entlüftungsventil (Zwischenentlüftung)Druckentlastung zwischen den SAV (Double Block & Bleed)EN 746-2
9DurchflussregelventilLeistungsregelung des BrennersEN 746-2
10Gasdruckwächter (min/max)Abschaltung bei Unter- oder ÜberdruckEN 1854
11FlammenüberwachungUV- oder Ionisationsdetektor zur FlammenerkennungEN 298

Das Double-Block-and-Bleed-Prinzip

Die Anordnung aus zwei Sicherheitsabsperrventilen mit dazwischenliegender Entlüftung ist das zentrale Sicherheitskonzept moderner Gasstrecken. Im geschlossenen Zustand sperren beide Ventile unabhängig voneinander ab, während das Entlüftungsventil den Zwischenraum drucklos hält. Damit wird sichergestellt, dass selbst bei Versagen eines Ventils kein Gas zum Brenner gelangen kann.

3. Brenner-Management-System (BMS)

Das Brenner-Management-System — auch Feuerungsautomat genannt — ist die zentrale Steuerungseinheit für den sicheren Betrieb des Brenners. Es steuert die Zündsequenz, überwacht die Flamme und führt im Fehlerfall eine sichere Abschaltung durch.

Typische BMS-Startsequenz

  1. Startanforderung: Alle Verriegelungen prüfen (Luftdruck, Gasdruck, Klappenstellung, Übertemperatur)
  2. Vorbelüftung: Mindestens 5 Ofenvolumenwechsel mit Verbrennungsluft, um Restgas auszuspülen
  3. Dichtheitsprüfung (VPS): Automatische Prüfung beider Sicherheitsventile auf Dichtheit
  4. Zündung: Zündbrenner oder Direktzündung aktivieren, Pilot-Flamme überwachen
  5. Hauptflamme: Haupt-Gasventile öffnen, Hauptflamme etablieren und überwachen
  6. Betrieb: Kontinuierliche Flammenüberwachung, Temperaturregelung, Sicherheitsüberwachung

Sicherheitsabschaltung: Bei Flammenausfall muss das BMS innerhalb der sogenannten Sicherheitszeit (typisch 1–3 Sekunden, je nach Ofenvolumen und Norm) beide Sicherheitsventile schließen. Eine Wiederanlaufsperre (Lockout) verhindert den automatischen Neustart ohne manuelle Quittierung und Ursachenermittlung.

4. Dichtheitsprüfung und Inbetriebnahme

Vor der Inbetriebnahme und nach jeder Änderung an der Gasanlage ist eine Dichtheitsprüfung nach DVGW-TRGI durchzuführen. Die Prüfung umfasst:

  • Festigkeitsprüfung: Prüfdruck = 1 bar (oder 1,1-facher Betriebsdruck, je nachdem welcher Wert höher ist), Haltezeit mindestens 10 Minuten
  • Dichtheitsprüfung: Prüfdruck = Betriebsdruck, Haltezeit 10 Minuten, kein messbarer Druckabfall
  • Gebrauchsfähigkeitsprüfung: Funktionsprüfung aller Sicherheitseinrichtungen im Betrieb

Wichtig: Die Dichtheitsprüfung darf nur durch eine qualifizierte Fachkraft durchgeführt werden: in Deutschland eine nach DVGW zertifizierte Fachkraft (Konzession nach DVGW G 676-B1), in Großbritannien ein beim Gas Safe Register eingetragener Ingenieur mit Qualifikation für industrielle und gewerbliche Gasanlagen. Alle Ergebnisse sind zu dokumentieren und aufzubewahren.

5. Regelmäßige Prüfungen und Wartung

  • Jährliche Inspektion: Überprüfung aller Gasstreckenkomponenten, Dichtheitsprüfung, Funktionsprüfung des BMS
  • Ventilprüfung: Sicherheitsabsperrventile (SAV) gemäß Herstellerangaben, mindestens jährlich
  • VPS-Funktionstest: Vor jedem Brennerstart automatisch (bei fehlendem VPS: manuelle Prüfung in festgelegten Intervallen)
  • Gasdruckwächter: Funktionsprüfung mindestens jährlich durch simulierte Unter- und Überdruckbedingungen
  • Flammenüberwachung: Funktionstest durch simulierten Flammenausfall, Prüfung der Ansprechzeit

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6. Häufige Fehler und Gefahrenquellen

  • Fehlende Vorbelüftung: Bei unzureichender Spülung des Ofenraums vor der Zündung kann sich ein explosionsfähiges Gasgemisch bilden. Stellen Sie sicher, dass die programmierte Vorbelüftungszeit den Normanforderungen entspricht.
  • Überbrückte Sicherheitseinrichtungen: Das Überbrücken von Gasdruckwächtern, Flammenüberwachung oder Verriegelungen ist streng verboten und eine der häufigsten Unfallursachen.
  • Veraltete Gasstreckenkomponenten: Sicherheitsventile haben eine begrenzte Lebensdauer. Ältere Ventile ohne VPS-Prüfung sollten nachgerüstet oder ersetzt werden.
  • Fehlende Dokumentation: Ohne lückenlose Wartungs- und Prüfdokumentation fehlt der Nachweis der Betriebssicherheit, was bei Unfällen haftungsrechtliche Konsequenzen hat.

7. Gasarten und ihre Besonderheiten

Industrieöfen werden mit verschiedenen Brenngasen betrieben, deren Eigenschaften die Auslegung der Gasstrecke maßgeblich beeinflussen:

  • Erdgas (Methan, CH4): Das am weitesten verbreitete Brenngas in der DACH-Region. Leichter als Luft (relative Dichte ~0,55), daher keine Ansammlung in Bodennähe. Wobbe-Index gemäß DVGW G 260 als Qualitätsmerkmal.
  • Propan/Butan (Flüssiggas, LPG): Schwerer als Luft (relative Dichte ~1,5–2,0), sammelt sich in Gruben und Kellerräumen. Erfordert besondere Maßnahmen bei der Aufstellung (keine Kellerinstallation, Bodenabsaugung).
  • Wasserstoff (H2): Zunehmend relevant im Kontext der Dekarbonisierung. Extrem weiter Zündbereich (4–75 Vol.-%), sehr hohe Flammengeschwindigkeit. Erfordert spezielle Armaturen und Dichtungswerkstoffe.

Beachten Sie bei Gasumstellungen (z.B. von L-Gas auf H-Gas oder bei zukünftiger Wasserstoff-Beimischung), dass alle Gasstreckenkomponenten, Brenner und Regelungen auf das neue Gas abgestimmt werden müssen.

Die Sicherheit der Gasversorgung ist kein Bereich, in dem Kompromisse akzeptabel sind. Investieren Sie in regelmäßige Wartung, qualifiziertes Personal und aktuelle Normenkenntnis, um Ihre Anlage und Ihre Mitarbeiter zu schützen.