CQI-9: Der Qualitätsstandard für die Automotive-Wärmebehandlung

CQI-9 (Continuous Quality Improvement — Special Process: Heat Treat System Assessment) ist die branchenweite Bewertungsmethode der AIAG (Automotive Industry Action Group) für Wärmebehandlungsbetriebe in der Automobilindustrie. Die Einhaltung von CQI-9 ist für nahezu alle Zulieferer der großen OEMs (VW, BMW, Mercedes-Benz, Stellantis, Ford, GM etc.) verpflichtend.

Dieser Leitfaden hilft Ihnen bei der systematischen Vorbereitung auf ein CQI-9-Audit und behandelt die wichtigsten Bewertungsbereiche mit praxisnahen Hinweisen.

1. Aufbau des CQI-9 Assessments

Das CQI-9 Assessment (aktuell in der 4. Ausgabe) gliedert sich in mehrere Abschnitte:

  • Abschnitt 1: Umfang und Verantwortlichkeiten der Bewertung
  • Abschnitt 2: Managementverantwortung und Qualitätsplanung
  • Abschnitt 3: Verantwortlichkeit für den Produktionsboden (Floor Responsibility)
  • Prozesstabellen: Spezifische technische Anforderungen je Verfahren

Jede Frage im Assessment wird mit Grün (konform), Gelb (teilweise konform, Verbesserung erforderlich) oder Rot (nicht konform, sofortige Maßnahme erforderlich) bewertet. Ein rotes Ergebnis in einer Frage erfordert einen sofortigen Maßnahmenplan mit Terminverfolgung.

2. Prozesstabellen im Überblick

Die Prozesstabellen sind das technische Herzstück des CQI-9 und definieren die spezifischen Anforderungen für jedes Wärmebehandlungsverfahren. Jeder Betrieb muss nur die Tabellen bearbeiten, die seinen tatsächlichen Prozessen entsprechen.

TabelleVerfahrenTypische Anwendungen
AAufkohlen / CarbonitrierenZahnräder, Wellen, Einsatzgehärtete Teile
BHärten und Anlassen (Vergüten)Schrauben, Federn, Strukturbauteile
CNitrieren / NitrocarburierenKurbelwellen, Nockenwellen, Hydraulikteile
DLösungsglühen und Auslagern (Aluminium)Aluminiumgussteile, Räder, Strukturteile
EInduktionshärtenAchsschenkel, Zahnstangen, Antriebswellen
FGlühen (Weichglühen, Normalglühen etc.)Blechteile, Rohre, geschmiedete Teile
GSpannungsarmglühenGeschweißte Baugruppen, bearbeitete Teile
HVakuumwärmebehandlungWerkzeuge, Aerospace-Teile, Medizintechnik
IFlammhärtenGroße Zahnräder, Führungsbahnen

Jede Prozesstabelle enthält spezifische Anforderungen an Prozessparameter, Überwachung, Prüfmittel und Dokumentation. Arbeiten Sie jede anwendbare Tabelle Zeile für Zeile durch und dokumentieren Sie Ihre Konformität.

3. Pyrometrie-Anforderungen

CQI-9 stellt umfangreiche Anforderungen an die Pyrometrie, die weitgehend mit AMS 2750 übereinstimmen:

  • Temperaturgleichmäßigkeitsprüfung (TUS): Regelmäßige Durchführung gemäß Ofenklassifizierung. Die Toleranzen und Häufigkeiten orientieren sich an AMS 2750 oder kundenspezifischen Anforderungen.
  • Systemgenauigkeitstest (SAT): Regelmäßige Überprüfung der Messkette (Thermoelement bis Anzeigeinstrument).
  • Instrumentenkalibrierung: Alle Messinstrumente müssen rückführbar kalibriert sein, Kalibrierintervalle sind einzuhalten.
  • Thermoelementmanagement: Dokumentierte Verfahren für den Einsatz, die Überwachung und den Austausch von Thermoelementen.

Praxistipp: Führen Sie ein zentrales Pyrometrie-Register, das alle Instrumente, Thermoelemente, Kalibriertermine und TUS/SAT-Ergebnisse erfasst. CQI-9-Auditoren prüfen die Vollständigkeit und Aktualität dieser Aufzeichnungen besonders gründlich.

4. Prozessüberwachung und -steuerung

CQI-9 verlangt eine lückenlose Prozessüberwachung für alle sicherheits- und qualitätsrelevanten Parameter:

Pflichtparameter (je nach Verfahren)

  • Temperatur: Ofen- und Chargentemperatur, Aufheiz- und Haltezeit, Abkühlkurve
  • Atmosphäre: Kohlenstoffpotenzial (Aufkohlung), Stickstoffpotenzial (Nitrierung), Taupunkt, Restsauerstoff
  • Abschreckmedium: Temperatur, Umwälzung, Konzentration (bei Polymer), Rückkühlung
  • Vakuum: Enddruck, Leckrate, Partialdruck bei Teildruckprozessen
  • Induktion: Leistung, Frequenz, Vorschubgeschwindigkeit, Kopplungsabstand

Aufzeichnung und Rückverfolgbarkeit

Alle Prozessparameter müssen automatisch aufgezeichnet und der jeweiligen Charge zugeordnet werden können. Handschriftliche Protokolle allein genügen den CQI-9-Anforderungen nicht. Investieren Sie in ein elektronisches Chargenverfolgungssystem (Supervisory Control and Data Acquisition, SCADA, oder vergleichbar).

5. Werkstoffprüfung und Qualitätskontrolle

Nach der Wärmebehandlung sind verfahrensspezifische Prüfungen durchzuführen:

  • Härteprüfung: HRC, HV oder HB gemäß Zeichnungsvorgabe, an definierten Prüfstellen
  • Einhärtetiefe (CHD, SHD, NHT): Metallografisch oder nach Härtetiefenverfahren gemäß DIN EN ISO 2639 (in Großbritannien: BS EN ISO 2639 — technisch identisch)
  • Gefügebeurteilung: Metallografische Schliffauswertung nach Kundenvorgabe oder Normreihen
  • Zerstörungsfreie Prüfung: Rissprüfung (MT, PT), Wirbelstromprüfung bei sicherheitsrelevanten Teilen

Dokumentieren Sie die Prüfergebnisse chargenspezifisch und stellen Sie sicher, dass bei Abweichungen ein definierter Eskalationsprozess greift (Sperrung, Nacharbeitsfreigabe, Kundeninformation).

6. Praktische Tipps für die Auditvorbereitung

Drei Monate vor dem Audit

  • Internes Voraudit durchführen: Alle anwendbaren Prozesstabellen Zeile für Zeile prüfen
  • Offene Maßnahmen aus früheren Audits abarbeiten und Wirksamkeit nachweisen
  • Pyrometrie-Dokumentation auf Vollständigkeit prüfen (TUS, SAT, Kalibrierungen)
  • Schulungsnachweise aller Mitarbeiter in der Wärmebehandlung aktualisieren

Einen Monat vor dem Audit

  • Stichprobenartige Prüfung der Chargenrückverfolgbarkeit: Kann jede Charge vom Rohteil bis zum fertigen, wärmebehandelten Teil nachverfolgt werden?
  • Funktionsprüfung aller Sicherheitseinrichtungen (Übertemperaturschutz, Gasdruckwächter, Not-Aus)
  • Ordnung und Sauberkeit im Produktionsbereich (5S) — Auditoren bewerten den Gesamteindruck

Am Audittag

  • Alle relevanten Unterlagen griffbereit haben: Prozesspläne, Arbeitsanweisungen, Kalibrierzertifikate, TUS-Berichte, Chargenprotokolle
  • Schlüsselpersonal anwesend und vorbereitet (Produktionsleiter, Qualitätsmanager, Pyrometrieverantwortlicher)
  • Offen und kooperativ kommunizieren — Auditoren schätzen Transparenz mehr als Perfektion

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7. Häufige Auditbefunde und Vermeidung

  • Unvollständige Pyrometrie-Dokumentation: Fehlende TUS-Berichte, abgelaufene Kalibrierzertifikate oder nicht dokumentierte Thermoelementwechsel. Lösung: Zentrales Register mit automatischer Fristüberwachung.
  • Fehlende Prozessüberwachung: Manuelle Protokolle statt automatischer Aufzeichnung, fehlende Chargenrückverfolgbarkeit. Lösung: SCADA-System oder gleichwertige elektronische Aufzeichnung einführen.
  • Unzureichende Schulung: Bediener können die Sicherheitseinrichtungen nicht erklären oder die Prozessparameter nicht begründen. Lösung: Regelmäßige Schulungen mit dokumentiertem Kompetenznachweis.
  • Keine Reaktion auf Abweichungen: Prozessparameter außerhalb der Spezifikation ohne dokumentierte Korrekturmaßnahme. Lösung: Definierter Eskalationsprozess mit 8D-Methodik oder vergleichbar.

8. Unterschiede zwischen CQI-9 und AMS 2750/Nadcap

Viele Betriebe, die sowohl Automotive- als auch Aerospace-Kunden beliefern, müssen sowohl CQI-9 als auch Nadcap/AMS 2750 erfüllen. Obwohl es erhebliche Überschneidungen gibt, bestehen wesentliche Unterschiede:

  • Anwendungsbereich: CQI-9 ist ein Selbstbewertungssystem (Self-Assessment), das vom Kunden oder dessen Beauftragtem auditiert wird. Nadcap ist eine unabhängige Drittpartei-Akkreditierung durch PRI (Performance Review Institute).
  • Pyrometrie: CQI-9 verweist auf AMS 2750 als Referenz, erlaubt aber auch kundenspezifische Anforderungen. Nadcap verlangt strikte AMS 2750-Konformität ohne Abweichungen.
  • Prozesstabellen: CQI-9 hat detaillierte Prozesstabellen für jedes Verfahren. Nadcap arbeitet mit Job Audits, die den tatsächlichen Produktionsprozess in Echtzeit bewerten.
  • Bewertung: CQI-9 verwendet ein Ampelsystem (Grün/Gelb/Rot). Nadcap erteilt entweder die Akkreditierung oder nicht, mit potenziellen Auflagen (findings).

Wenn Sie beide Standards erfüllen müssen, empfiehlt es sich, das strengere Anforderungsniveau als Basis zu nehmen — in der Pyrometrie ist das in der Regel AMS 2750/Nadcap — und die zusätzlichen CQI-9-spezifischen Punkte (Prozesstabellen, Chargenrückverfolgbarkeit, Schulungsnachweise) ergänzend abzudecken.

Normenreferenz für internationale Betriebe: Die europäischen Prüfnormen (EN ISO 6507 für Vickers, EN ISO 6508 für Rockwell, EN ISO 2639 für Einhärtetiefe) gelten in allen EU-Ländern und Großbritannien mit identischem technischem Inhalt — nur das nationale Präfix unterscheidet sich (DIN EN ISO in Deutschland, BS EN ISO in Großbritannien). Für Werkstoffspezifikationen gelten DIN EN 10083 / BS EN 10083 (Vergütungsstähle) und DIN EN 10084 / BS EN 10084 (Einsatzstähle).

Eine gründliche CQI-9-Vorbereitung ist mehr als nur Auditpflicht — sie ist eine Investition in die Prozesssicherheit und Qualitätsfähigkeit Ihres Wärmebehandlungsbetriebs. Nutzen Sie das Assessment als Werkzeug zur kontinuierlichen Verbesserung.